Momente der Glückseligkeit

Perlen von Holstein Folge 146

Am nächsten Tag standen Ausflüge auf dem Programm. Unser erstes Ziel war die Prager Burg. Sie war weltberühmt und das durchaus nicht zu Unrecht, wie ich fand. Hier bekam ich endlich, wonach ich mich auf dieser Reise bisher so vergeblich gesehnt hatte: Die Idylle vergangener Jahrhunderte, wie ich sie sonst nur in meinen Killerspielen erleben durfte. Ich lief herum und machte Fotos. Vom Veitsdom, vom Ehrenhof, von Häusern, die mit Efeu bewachsen waren. Ebenso fotografierte ich meinen Begleiter Max-Frederick. Der ließ sich dafür sogar zu einem Lächeln hinreißen. Ansonsten hatte er für meine Fotografiererei momentan nur wenig Verständnis.

«Ey, was fotografierst du die ganze Scheiße hier eigentlich?», fragte er.

«Ist doch voll schön hier», antwortete ich.

«Ey, nein, Mann, hier ist es voll kacke.»

Ich lachte, wie ich immer lachte, wenn Max-Frederick auf etwas schimpfte. So richtig nachvollziehen konnte ich seine Position jedoch nicht.

Max-Fredericks schlechte Laune war aber wohl rein vorsorglich zu verstehen. Es dauerte nämlich nicht lange, da wurden seine Nerven einmal mehr aufs äußerste strapaziert. Unsere Knaben waren im Ehrenhof gewesen und hatten offenbar Gefallen an der dort zu beobachtenden Wachablösung gefunden. Jedenfalls marschierten sie nun im Gleichschritt vor uns auf.

«Knabenchor-Kompanie, los: Links, Zwo, Drei, Vier! Links, Zwo, Drei, Vier!», rief einer von ihnen.

«Oh, Mann, behinderter geht es ja wohl gar nicht mehr», sagte Max-Frederick.

Zu seinem Pech waren die Zeiten, in denen wir alleine die Gegend erkunden konnten, erst einmal wieder vorbei. Zu unserem nächsten Ausflugsziel, dem jüdischen Viertel, würden wir alle gemeinsam gehen.

Max-Frederick und ich liefen einige Meter hinter eine Gruppe von Knaben. Einer von ihnen trug eine Jeans, die ihm zu kurz zu sein schien. Sicher war ich mir jedoch nicht. So wie er nämlich die Hände in die Taschen steckte, konnte es genauso gut sein, dass er die Jeans einfach nur nach oben zog. Max-Frederick jedoch fackelte nicht lange.

«Ey, Junge», rief er, «gab’s die Hose eigentlich auch in deiner Größe?»

Ich lachte laut los. Mein Lachen galt eher Max-Fredericks Sprachgewandtheit als dem Missgeschick des Knaben. Zu kurze Hosen zu tragen, das passierte mir auch schon mal. Es gehörte zu den Dingen, die nicht angenehmer wurden, wenn jemand unnötig darauf aufmerksam machte. Ich konnte durchaus verstehen, dass der Knabe Max-Fredericks Äußerung nicht komisch fand.

«Das ist meine Größe», sagte er.

«Natürlich», erwiderte Max-Frederick. Sein unverhohlener Sarkasmus ließ mich abermals lachen.

Den Knaben langte es nun. In einer großen Gruppe umringten sie uns. Zur großen Ausnahme ging es ihnen aber einmal weniger um mich, sondern eher um Max-Frederick. Sie alle versuchten, jeder auf seine Art, eine verbale oder körperliche Attacke zu finden, auf die Max-Frederick keine schlagfertige Antwort parat haben würde. Dummerweise hatte Max-Frederick auf alles irgendeine schlagfertige Antwort parat.

Ich dagegen war schon mit dem einzigen Knaben überfordert, der sich auf mich stürzte. Lämke hieß er. Er war erst seit Kurzem dabei, mir aber von seinem ersten Tage an ein Begriff gewesen. Grund dafür war das Lächeln, mit dem er auf alles reagierte, was ich ihm an den Kopf warf. Es war das Lächeln eines Bankiers. Das von Mutters liebstem Schwiegersohn. Das jener Krankengymnastin, die mir damals Achtjährigem zum Abschied einen Brief geschrieben hatte. Sie hatte darin geäußert, dass sie noch keinen richtigen Ersatz für mich gefunden hätte und ich wirklich einzigartig sei.

Genau jenes Lächeln schenkte mir Lämke nun.

«Wir müssen in einem normalen Tonfall miteinander kommunizieren», sagte er.

«Verpiss dich, du Scheiß-Knabe», erwiderte ich.

«Wir müssen in einem normalen Tonfall miteinander kommunizieren», sagte er erneut.

«Elfjährige haben hier nichts zu melden.»

«Dreizehnjährige.»

«Nein, du bist elf.»

«Nein, ich bin dreizehn.»

«Du bist elf.»

«Wir müssen in einem normalen Tonfall miteinander kommunizieren.»

«Oh, jetzt verpiss dich endlich, Sönke zwei.»

«Wieso Sönke zwei?»

«Weil du genauso aussiehst wie einer, der mal bei uns im Chor gesungen hat.»

«Und der hieß Sönke?»

«Der hieß Sönke.»

«Und der sah aus wie ich?»

«Ja, der sah aus wie du.»

«Wir müssen in einem normalen Tonfall miteinander kommunizieren.»

«Wieso sagst du das eigentlich andauernd?»

«Das hast du doch mal zu uns gesagt.»

Es war wirklich kaum zu glauben. Normalerweise war ich derjenige, der andere an Dinge erinnerte, die sie irgendwann einmal gesagt hatten. Lämke schien tatsächlich darauf erpicht zu sein, mich mit meinen eigenen Waffen zu schlagen. Denkbar war natürlich auch, dass er sich durch das Vortäuschen von Gemeinsamkeiten bei mir Sympathien zu erschleichen versuchte. Wie ihm das gelingen wollte, war fraglich. Es war doch nun wirklich völlig offensichtlich, dass uns überhaupt nichts einte. Mit seiner ganz speziellen Art von Widerborstigkeit erinnerte er mich eher an jenes Mädchen, das seit geraumer Zeit jeden Montag das Gespräch mit mir suchte. Die Dialoge, die hierdurch entstanden, liefen wie folgt ab:

«Lennart!», sagt sie überschwänglich und kommt auf mich zugestürmt.

Ich drehe mich von ihr weg.

Sie läuft todesmutig in mein Sichtfeld hinein und sagt wieder überschwänglich: «Lennart!»

Ich reagiere nicht.

«Was ist denn los, Lennart?», fragt sie.

«Ich hasse dich!», erwidere ich.

«Wie? Du hasst mich, Lennart?»

«Ja. Ich hasse dich.»

«Was habe ich denn Schlimmes gemacht?»

«Das weißt du ganz genau.»

«Nein, ehrlich: Ich bin völlig ratlos, Lennart. Wenn ich jetzt schon ein schlechtes Gewissen haben muss, musst du mir schon sagen, warum, hm?»

«Du hast mich in der siebten Klasse jeden Morgen die ganze Zeit blöd angemacht.»

«Ach! Und wegen etwas, das so lange her ist, willst du jetzt nicht mit mir reden und freust dich auch überhaupt nicht, dass ich mich gleich in Chemie wieder neben dich setzen werde?»

«Ganz genau.»

«Ach, Lennart –» Sie streichelt mir sanft über die Schulter.

«Hör auf, mich anzufassen!»

«Ach, Lennart –» Sie streichelt mir erneut sanft über die Schulter.

Anmerkung im Sinne des Bildungsauftrags der Synkope: Will man ein guter Dirigent sein, ist es nicht notwendig, unnahbar und nachtragend zu sein. Will man ein überragender Dirigent sein, ist es hingegen zwingend erforderlich. Und weil Herbert von Karajan kein überragender, sondern ein gottgleicher Dirigent war, besaß er beide Eigenschaften im Überfluss. Karajans Intendant Stresemann berichtet, dass der Maestro auf einer Zugfahrt einst gefragt hätte, wo man denn gerade sei. «In Oberhausen», hatte er zur Antwort erhalten. Darauf habe Karajan losgepoltert: «Dort habe ich mich auch einmal beworben und man hat mir nicht einmal geantwortet!» Wohlgemerkt war diese Bewerbung zu einem Zeitpunkt geschehen, als noch niemand hatte ahnen können, dass Karajan einmal Chefdirigent der Berliner Philharmoniker sein würde. Aus diesem Grund habe Tournee-Leiter Erich Berry bemerkt: «Warum bewerben Sie sich nicht nochmals? Vielleicht klappt es diesmal.»

Wenn ich es aber so recht bedachte, war es schon etwas her, dass das letzte Mal ein derartiges Gespräch zwischen uns stattgefunden hatte. Irgendwann einmal war mir nämlich ein Satz entrutscht, der wie folgt geendet hatte: «– und deswegen mochte ich dich nicht.»

«Oh, Präteritum», hatte sie erwidert, «High five, Lennart!»

Seither bewunderte sie mich jeden Montag dafür, wie toll ich die atemberaubend dämlichen Dialoge der Calgon-Werbung nachmachen konnte.

«‹Ihre Waschmaschine muss ich mitnehmen, wegen Kalk. Haben Sie keinen Wasserenthärter genommen?› – ‹Schon, aber einen billigen. Jetzt hab’ ich keine Waschmaschine mehr und die Küche steht unter Wasser.›»

Es stand natürlich zu befürchten, dass meine Meinung zu Lämke irgendwann umschlagen würde. Meine einst so negative Meinung zu Philipp war ja irgendwann auch umgeschlagen. Und wenn ich es so recht bedachte: Auch von David hatte ich einst nicht viel gehalten. Von vielen meiner späteren Freunde hatte ich ursprünglich nicht viel gehalten. Lämke könnte da dereinst keine Ausnahme bilden. Doch, nein, dazu würde es nicht kommen. Dazu würde ich es nicht kommen lassen.

Wir waren inzwischen im jüdischen Viertel angelangt. Die Knabenhorde hatte Max-Frederick von mir weggetrieben. Ich lief neben David, Philipp und Guido.

«Ey, lass mal wieder Tomatensalat singen», schlug Philipp vor.

«Aber in der Moll-Fassung», erwiderte ich.

«Ja, die Moll-Fassung ist cool», sagte Guido.

Und schon ging es los.

music snippet

Als David mir auf seiner Geburtstagsfeier das Lied Tomatensalat vorgestellt hatte, hatte ich mich vor allem eines gefragt: Wie lange dauerte es wohl, bis man es so schnell singen konnte wie er? Seit unserer Fahrt nach Prag kannte ich die Antwort: Vierzehneinhalb Stunden. Vierzehneinhalb Stunden, so lange dauerte es, von Hamburg nach Prag zu fahren. Zeit, die wir wahrhaftig sinnvoll genutzt hatten. Wir beherrschten das Lied mittlerweile alle. Es war eigentlich auch gar nicht schwer: Man musste beim Singen einfach nur stur die Silben absingen, ohne über das Wort nachzudenken, das sie bildeten. Dann hatte man es rasch drauf. Und im Übrigen tagelang einen Ohrwurm.

Der Stolz, das Lied zu beherrschen, hatte in uns einen ungeheuren Taten- und Innovationsdrang geweckt. So waren wir auf den Einfall gekommen, dass man Tomatensalat doch auch gut in Moll singen konnte. Herausgekommen war ein Lied, das so wunderschön nach Klezmer klang: Es wäre eine Schande gewesen, es dem jüdischen Viertel Prags vorzuenthalten.

Jetzt aber mussten wir still sein. Wir betraten die Pinkas-Synagoge, die als Holocaust-Gedenkstätte fungierte. Marc und Herr Kaiser hätten vielleicht vorher darauf hinweisen sollen, dass uns hier wir bitte anständig zu benehmen hatten, doch das war gar nicht nötig. Die endlos langen Namenslisten an den Wänden machten selbst auf Max-Frederick einen geradezu verstörenden Eindruck.

Draußen an der frischen Luft lag unsere Laune aber rasch wieder auf Vor-Gedenkstätten-Niveau. Lachend und singend fuhren wir zu unserem nächsten Ausflugsziel, dem Aussichtsturm Petřín. Dieser befand sich auf einem Hügel, den wir jedoch dankenswerterweise nicht selbst erklimmen mussten. Wir durften mit der Bergbahn fahren.

Während wir an der Talstation auf sie warteten, führten Philipp und ich ein angeregtes und von vielen Lachern durchsetztes Gespräch. Dabei merkte ich plötzlich, wie mich jemand zur Seite drückte. Ein älterer Herr, der hinter uns gestanden habe, schob sich zwischen uns beiden hindurch. Dabei gab er irgendeine tschechische Verwünschung von sich. Es war nicht das erste Mal seit unserer Ankunft in Prag, dass das geschah. Beim Check-In in unserem Hotel war ein nicht weniger angeregtes Gespräch von Philipp und mir ebenso auf diese Weise unterbrochen worden.

Ob wir mit unserer so offen zur Schau gestellten guten Laune hier irgendwie unangenehm auffielen? Vielleicht war das hier in Prag auch einfach eine völlig normale Weise, miteinander umzugehen. Ich konnte es nicht sagen. Angenehm oder gar sympathisch fand ich dieses Verhalten jedenfalls nicht. Ich hatte aber definitiv auch nicht vor, mir meine Laune davon verderben zu lassen.

Beim Betreten der Bergbahn zeichnete sich schnell ab, dass der Platz auf den Sitzbänken nie und nimmer für uns alle reichen würde. Es sei denn natürlich, man hatte kein Problem damit, sich ein wenig zusammenzuquetschen. Wir hatten kein Problem damit, begrüßten es gar. So hatten wir einmal mehr einen Anlass, einen orgiastischen Lachanfall zu bekommen.

«Jetzt stellt sich die Frage», sagte ich, «werden wir gerade trans- oder deportiert.»

Und schon zeigte sich, dass es auch Vorteile hatte, so eng beisammenzusitzen. Wäre Philipp nicht zwischen mir und Guido eingeklemmt gewesen, er wäre jetzt wohl vor Lachen von der Bank gefallen.

Oben angekommen, gesellte sich Marc zu uns. Er lästerte mit uns über die katastrophalen Zustände von Hotel und Lunchpaketen. Es war noch einmal überdeutlich zu merken, dass er nichts daran schönreden wollte. Marc gestand gar rückblickend ein: «Ja, die Jugendherberge in Schwerin war wirklich ein Siffladen.» Trotzdem befand er: «Also Lennart, Philipp und Max-Frederick, ihr seid bestimmt die drei Leute hier, die am meisten zu meckern haben.» Dem wäre an sich nichts hinzuzufügen gewesen, hätte man wirklich bei uns allen dreien von Meckern sprechen können. Doch meckern war nur das, was ich tat. Was Philipp tat, war keifen. Was Max-Frederick tat, war pöbeln. Ansonsten aber war Marcs Einschätzung, wie gesagt, nichts hinzuzufügen. Was sollte man auch machen? Die Hälfte unseres Spaßes auf Chorreisen und Chorwochenenden verdankten wir nun einmal unserer chronischen Unzufriedenheit.

Doch wollte Marc eigentlich gar nicht wieder mit uns schimpfen. Er wollte mit uns über vergangene Zeiten sprechen, genauer: über die Amerika-Reise. Ein Wunsch, dem wir ihm doch gerne erfüllten. Wir imitierten die unbeholfenen Versuche junger Knaben, den Satz ‹One bagel with cream cheese and orange juice, please!› fehlerfrei auszusprechen. Wir amüsierten uns darüber, wie der kleine Tim seine fünfundsiebzig-Dollar-teure Eintrittskarte zu einem Flieger verarbeitet hatte. Wir grölten gemeinsam mit Marc das Lied, das den ganzen Tag durch die Universal Studios Hollywood geschallt war.

«Oh Mann, Amerika war echt so eine tolle Reise», sagte Marc. Und wie er das sagte, wirkte er tatsächlich einmal richtig sentimental. Doch wäre Marc nicht Marc gewesen, wenn jetzt nicht noch eine kleine Einschränkung gefolgt wäre. «Aber wisst ihr», sagte er, «diese drei Burschen – Jonas, Klaas und Löning – die konnten es einem manchmal echt versauen. Wenn ich alleine an die Fahrt zu diesem Outlet-Store in Monterey denke. Ich habe den dreien hundert Mal gesagt: Es ist kein Outlet-Store im eigentlichen Sinne. Doch die meinen natürlich gleich wieder rummosern zu müssen, dass ja nie das gemacht wird, was die Sänger wollen. Also sind wir dahin gefahren und es war, wie ich schon gesagt hatte, nicht das, was die drei erwartet hatten. Und dann kommen die zu mir und pöbeln mich an, wie ich überhaupt auf die Idee kommen kann, mit ihnen zu diesem beschissenen Outlet-Store zu fahren.»

Ich konnte mich noch sehr gut daran erinnern, dass der Besuch des Outlet-Stores von Monterey ein ziemlicher Reinfall gewesen war. Wessen Schuld er gewesen war, die Frage hatte ich mir nie gestellt. Nun zu erfahren, dass das alles auf dem Mist von Jonas, Klaas und Löning gewachsen war, war schon interessant. Ich fragte mich jedoch, ob das wirklich die ganze Wahrheit war. Ich kannte Marc und sein Konfliktverhalten weiß Gott lange genug. Wie er wohl in einigen Jahren die Auseinandersetzungen mit David und mir darstellen würde? Wenn er tatsächlich in drei Monaten als aktiver Sänger ausschied, würden wir schließlich seine letzten Gegenspieler hier gewesen sein.

Ich konnte zumindest schon einmal zuversichtlich sein, dass er uns in besserer Erinnerung behalten würde als einige der Knaben. Den Eindruck bekam ich zumindest, als wir nach unserem Besuch des Aussichtsturm Petřín zur Straße zurückkehrten. Der Bus war noch nicht gekommen. Für Akira eine willkommene Gelegenheit, ein wenig in der Haltebucht herumzuturnen. Er turnte weiter, als der heranfahrende Bus bereits nur noch wenige Meter von ihm entfernt war. Marc packte Akira und wuchtete ihn auf den Bürgersteig.

«Sag mal: Bist du vollkommen wahnsinnig?», schrie er, «Sollen wir dich im Krankenwagen zurück nach Hamburg bringen oder lieber gleich im Sarg?»

Der Junge grinste kurz, riss sich dann los und lief davon.

‹Sowas lebt und Schiller musste sterben›, hätte Opa Max jetzt gesagt.


Für heute war Schluss mit Ausflügen. Den Rest des Tages würden wir mit Proben verbringen. Im Hotel allerdings gab es weder ein Klavier noch einen geeigneten Saal. Marc hatte, wie schon so oft auf dieser Reise, lange herumtelefonieren müssen. Tatsächlich war es ihm gelungen, uns einen Raum zu organisieren. So fuhren wir nun zu einer Kapelle, für die einem nun wirklich nur das Prädikat ‹winzig› einfiel. Heraus kam der Kantor. Er war Leiter eines Knabenchors, mit dem wir in einigen Tagen gemeinsam einen Auftritt haben würden. Der Mann gefiel mir auf Anhieb. Er war zwar ohne Zweifel Tscheche, wirkte mit seinem Bart und dem Glanz in seinen Augen eher wie ein Italiener. Außerdem war er ein richtiger Charmeur. Mit einem ganz und gar verbindlichen Lächeln geleitete er uns in das Gemeindehaus. Dort half er uns, Sofa und Tische beiseite zu räumen und die Stühle auf zu stellen. Dann verschwand er auch schon wieder, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Die Probenarbeiten konnten beginnen.

Herr Kaiser teilte ein neues Stück aus: Dixit Maria von Hans Leo Hassler. Ohne noch groß etwas dazu zu sagen, ließ er es uns singen. Zwei Dinge ließen mich sofort staunen: Wie gut wir das Stück vom Blatt singen konnten und wie wenig es nach Hans Leo Hassler klang. Hans Leo Hassler, mit diesem Namen verband ich ein gewisses Maß an Fetzigkeit, ja, eine in altmodische Worte und altmodische Klänge verpackte Zügellosigkeit. Dixit Maria jedoch war unterkühlt-intellektuell. Das war bei geistlicher Musik der Renaissance nun wirklich nichts Ungewöhnliches. Aber dieses Werk hier stammte nun einmal von Hans Leo Hassler und da erwartete man etwas anderes. Ich war wenig begeistert, ging aber davon aus, dass ich mit dem Stück schon noch warm werden würde. Max-Frederick hingegen hatte sein Urteil längst gefällt.

«So eine Scheiße!», brüllte er, kaum dass die erste Phrase verklungen war.

Philipp, Frans und ich lachten.