Versagensängste

Perlen von Holstein Folge 91

August 2003

Chorwochenenden kamen immer ungelegen, doch dieses Mal war für die Fahrt nach Maschen der für mich wirklich denkbar ungünstigste Zeitpunkt gewählt worden.

Seit über einem Monat plagten mich nun schon fürchterliche Versagensängste. Denen konnte ich nur begegnen, indem ich all meine Zeit in das investierte, auf das es im Leben wirklich ankam. Meine Mutter hätte nun gesagt: Schule, aber, nein, das meinte ich nicht. Zwar hatte ich im Halbjahreszeugnis zwei Fünfen gehabt, doch die waren inzwischen weg. Alles war gut – sah man einmal davon ab, dass ich in Physik, Mathe und Latein schon seit geraumer Zeit nichts mehr begriff.

Worum es mir einmal mehr ging, einmal mehr gehen musste, waren die Killerspiele. Begonnen hatten die Versagensängste am ersten Tag der Sommerferien. Mein großer Bruder war in mein Zimmer gekommen und hatte mir beim Spielen des Killerspiels Vietcong zugesehen. Seine Gegenwart hatte mich danebenschießen lassen.

«Haha, das ist ja kein Wunder, dass du kein Multiplayer spielen willst!», hatte er gesagt.

Bevor ich irgendetwas hatte erwidern können, war er auch schon aus dem Raum verschwunden gewesen. Er hatte mich mit meinen Selbstzweifeln alleine gelassen.

War es so? War ich schlecht in Killerspielen?

Die nächsten vier Wochen hatte ich beim Spielen peinlich genau darauf geachtet, genau zu zielen. Jeder Lapsus hatte mich in eine tiefe Krise gestürzt. Dann aber war ich von meinen Eltern nach Usedom verschleppt worden. Zwei Wochen hatte ich nicht an meinem Zielen arbeiten können. Zwei Wochen hatte mich in dem Grau unserer Ferienwohnung fragen müssen, wie Menschen sich eigentlich die Zeit vertrieben hatten, bevor es Killerspiele gegeben hatte.

Nach unserer Rückkehr hatte ich mich sogleich an meinen Computer gestürzt. Zufrieden hatte ich feststellen müssen, dass meine Ziel-Fähigkeiten weit weniger gelitten hatten als befürchtet. Doch kaum eine Woche später hatte ich wieder losgemusst, dieses Mal nach Maschen. Zuvor hatte ich noch schnell die Marines-Kampagne von Aliens vs. Predator 2 auf dem zweithöchsten Schwierigkeitsgrad durchgespielt. Ob dieser Trainingsvorschuss die zwei computerlosen Tage würde kompensieren können? Ich würde es schon bald erfahren. Bis dahin blieb mir nichts weiter übrig, als in jeder freien Minute meinen Gamestar zu lesen. Dieses Vergnügen wurde in der sonnabendlichen Mittagspause jäh unterbrochen, David kam zu mir ins Zimmer.

«Ey», sagte er, «dahinten ist so ein Knabe, der meinte, mit seinen Yugidu-Karten vor mir angeben zu müssen.»

«Du meinst Yu-Gi-Oh! oder?», erwiderte ich.

«Genau, Yugidu

«Und damit wollte er ernsthaft vor dir angeben?»

«Ja! Ey, lass dem mal welche von seinen Karten zocken.»

Dieser Aufforderung kam ich nur zu gerne nach. Yu-Gi-Oh! peinlicher ging es ja wohl gar nicht mehr. Wir hatten ja früher auch unsere Anime-Serien gehabt. Doch war ja wohl längst nicht so erbärmlich gewesen wie dieses Yu-Gi-Oh! Zwar hatte ich noch nie eine Folge davon gesehen, doch konnte ich mir sehr gut vorstellen, dass es ziemlich erbärmlich war. Außerdem sah ich keine Animes mehr, kein Pokémon, kein Dragonball Z und kein Ranma 1/2. Das taten doch nur kleine Kinder.

Wir gingen also hin zu dem Knaben und nahmen ihm seine Karten weg. Genauer gesagt erfanden wir irgendeinen Grund, aus dem er eine seiner Karten an uns abtreten müsste. Wir gerieten dann aber in einen Streit darüber, wer von uns beiden sie bekommen sollte. Da wir uns nicht einig werden konnte und das Spielchen allmählich langweilig wurde, gingen wir zurück ins Zimmer. David hatte dem Knaben inzwischen etwas viel besseres abluchsen können: Ein Walkie-Talkie. Irgendjemand hatte rund zehn Stück davon mitgebracht, um richtig professionell Räuber und Gendarm spielen zu können. Dieses hier war wohl übrig geblieben.

David schaltete es ein.

«Los, zu der Brücke, zu der Brücke», sagte jemand.

«Nein, zu der Rutsche, zu der Rutsche», jemand anders.

David betätigte den Sprechknopf.

«Ja, los, zu der Brücke, zu der Brücke. Nein, zu der Rutsche, zu der Rutsche. Ach, nein, Quatsch: Zu dem Baum!»

«Welcher Baum?», antwortete jemand.

«Der mit den Blättern.»

David und ich krümmten uns vor Lachen.

Die Spielenden schienen derweil begriffen zu haben, was vor sich ging.

«David, halt mal bitte die Klappe», hörten wir die Stimme Imanuels sagen.

«Nö, haha», antwortete David.

«Ey, nein, David, das ist echt nicht komisch, wir –»

David störte durch sekundenlanges Betätigen des Sprechknopfes den Funk. Kaum, dass er ihn losgelassen hatte, hörten wir Imanuel sagen: «Ey, Leute, wechselt mal bitte alle auf Kanal Fünf. Und du, David, lässt uns jetzt bitte in Ruhe spielen, ja?»

David wechselte auf Kanal Fünf und betätigte den Sprechknopf.

«Zu dem Klettergerüst, zu dem Klettergerüst», sagte er, «Nein, zu der Schaukel, zu der Schaukel.»

«David!», sagte Imanuel. David störte durch sekundenlanges Betätigen des Sprechknopfes den Funk. Kaum, dass er ihn losgelassen hatte, hörten wir Imanuel sagen: «Ey, Leute, wechselt mal bitte alle auf Kanal Acht. Und du David lässt jetzt den Scheiß, okay?»

David wechselte auf Kanal acht. Noch bevor irgendjemand etwas sagen konnte, störte er durch sekundenlanges Betätigen des Sprechknopfes den Funk.

«David!», schrie Imanuel.

Wir lachten uns krumm und schief.

«Nein, David, es ist gerade echt nicht witzig! Hört zu, Leute: Tim liegt dahinten bei der Schaukel.»

«Nein», sagte David, «Tim liegt bei der Rutsche.»

«David», schrie Imanuel, «sag mal –»

David störte durch sekundenlanges Betätigen des Sprechknopfes den Funk.

«Ey, David, ich bin gerade echt so sauer auf dich, weißt du das!», sagte Imanuel.

David bekam einen derart heftigen Lachanfall, dass ich fürchtete, er würde gleich ersticken. Leider würde er keinen weiteren Schabernack mehr treiben können, die Spielenden waren mittlerweile offenbar auf Face-to-Face-Kommunikation umgestiegen. Den Grund für Imanuels Wut sollten wir beide übrigens eine Stunde später erfahren: Der kleine Tim hatte sich bei der wilden Treibjagd durch den Maschener Wald den Fuß verletzt. Imanuel und die anderen hatten versucht, seine Position zu ermitteln, um ihn zu einem Erwachsenen zu bringen. Das hatte David gehörig vereitelt. Als wir beiden davon erfuhren, galt Imanuels Wut jedoch längst nicht mehr David. Sie galt Herrn Kaiser. Der hatte die Walkie-Talkies eingesammelt, nachdem ihrer wegen Knaben wiederholt zu spät zur Probe erschienen waren. Die Betroffenen waren daraufhin in den unbefristeten Probenstreik getreten. Für den Mann, der unseren Chor jetzt leitete, Grund genug, die Mitnahme von Walkie-Talkies zu Chorterminen vollständig zu verbieten.

Wie er zum Mitführen von killerspielfähigen Geräten stand, brauchte ich nach diesem Exempel wohl nicht zu fragen.